Stellungnahme zum Umgang mit dem Wandbild „Nordischer Schwertertanz“ (Käte Lassen) in der Aula der Pestalozzischule (ehemals Jungmannschule)

Nazis raus aus den Köpfen
Nazis raus aus den Köpfen

Bei der Antwort auf die Frage des Umgangs mit dem Wandbild sind kunstwissenschaftliche, politische und pädagogische Aspekte zu berücksichtigen.

Das Wandbild entstand in den Jahren 1938/39 als Auftragsarbeit. „Körperschaften (…), deren Beiträge die Schaffung des Bildes ermöglicht haben,“ waren: Stadt und Landkreis Eckernförde, als die damaligen Träger der Jungmannschule, sowie „vor allem mit mehreren sehr namhaften Spenden der Oberpräsident der Provinz Schleswig-Holstein, die Elternstiftung der Schule, ferner die Kreissparkasse Eckernförde, die Spar- und Leihkasse Eckernförde (Wohlfahrtsverein) und der Schul- und Grenzlandsfond für Nordschleswig.“[1]

Das Bild wurde nach der Befreiung vom Faschismus auf Geheiß der britischen Militärverwaltung übermalt. 1989 wurde es bei Restaurierungsarbeiten in der Aula freigelegt und befindet sich bis heute in einem weitgehend zerstörten Zustand. Bis zur Käte-Lassen-Ausstellung im Eckernförder Museum 2017 war es mit Stoffbahnen verhüllt. Im Rahmen der Ausstellung wurde es der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und ist seitdem quasi als Ruine wieder sichtbar.

 

 

 

Kunstwissenschaftliche Aspekte

 

Obwohl Darstellungen von Schwertertänzen junger Männer als Initiationsritus in der Kultur einer Reihe von europäischen Ländern nachweisbar sind[2], gehört das Bild aufgrund der von den Auftraggebern verfolgten politischen Absicht zur

(Staats-)Kunst des Nationalsozialismus. Damals wie heute wirkt seine Bildsprache auf den Betrachter im gewollt faschistischen Sinn.

Wandbild Nordischer Schwertertanz
Wandbild „Nordischer Schwertertanz“ (Käte Lassen) in der Aula der Pestalozzischule (ehemals Jungmannschule)

Die Frage, ob und inwieweit Nazikunst im öffentlichen Raum heutzutage zugänglich gemacht werden darf oder soll, wird unterschiedlich beantwortet.[3] Jedenfalls wurde Lassens Bild im Rahmen einer Diskussionsveranstaltung in der Kieler „Pumpe“ 1989 mit namhaften Kunstwissenschaftler*innen in den Kontext der Nazikunst gestellt. Thema war die Frage „NS-Kunst ins Museum- Wie?“ [4]Allerdings muß der Umgang mit einem Wandbild ein anderer sein als etwa der mit Bildern oder Skulpturen, die dem Publikum im Rahmen eines Museums zeitweise zu bestimmten Anlässen zugänglich gemacht werden können. Ein Wandbild ist auf dauerhafte Wirkung angelegt und sollte in diesem Fall seine Wirkung „1000-jährig“ im Schulalltag entfalten.

Auch wenn das Gesamtwerk Lassens keineswegs der Nazikunst zugerechnet werden kann, spricht doch diese Auftragsarbeit[5] eine deutliche Sprache. Sie verherrlicht einen Waffeninitiationsritus wehrhafter germanischer Recken und schwört auf kriegerische Gewalt ein. Entsprechend wurde das Bild vom Oberstudiendirektor der Jungmannschule Georg Schaub seinerzeit mit markigen Worten gewürdigt. Zwei Ausschnitte aus seinem Aufsatz von 1939:

 

„Das neue Werden des Nationalsozialismus, der als Ganzheitsbewegung sich durchaus nicht in politischer Neuformung erschöpft, sondern aus nordisch-germanischem Quell einen Umschwung auf allen Gebieten bedeutet – Recht, Erziehung, Kunst, Wissenschaft, Technik usw. – hat schon jetzt, gerade auf dem Gebiet der Kunst, manche ungeahnte Leistung hervorgebracht. An die Stelle der ‚entarteten Kunst‘ aus volksfremder, jüdischer, internationaler Gesinnung, aus Geschäftsgeist und Unfrommheit, treten, auf dem Gebiete der Malerei vielleicht am besten erkennbar, Kunstwerke, die aus nordischer Lebens- und Wesensschau geboren sind, die kraftvoll und weihevoll, stark und fromm zugleich sind und machen.

Ein solches Gemälde, ein bedeutendes Kunstwerk, das dürfen wir Mitschauenden schon sagen, besitzt Eckernförde  seit Anfang dieses Jahres in dem ‚Nordischen Schwertertanz‘ von Käte Lassen.“

 

„Aus dem Bilde sprechen zu uns Wehrhaftigkeit, Bewegungsfreude, Kameradschaft und Einsatzwille, also gerade die Eigenschaften und Gefühle, die heute in Deutschland wieder erwacht sind. Sind es im Bilde der Tanz in Waffen, der Rhythmus des Tanzschrittes schwerttragender Jünglinge, die geeinte Mannschaft, in der keiner für sich da ist, so sind es heute im Vaterlande das Volk in Waffen, der Rhythmus des Marschschrittes von Heer und SA, die Kameradschaft aller Stände und der Einsatzwille aller, den der Führer gerade der Jugend immer wieder ans Herz legt: ‚Seid flink wie die Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl!“[6]

 

Zur Entlastung des Wandbildes wird gelegentlich angeführt, die Idee des „Nordischen“ und seine ihm entsprechenden mythologischen Vorstellungen seien älteren Ursprungs und nicht erst mit dem Nationalsozialismus entstanden. Insofern sei ihre künstlerische Verkörperung etwa in Lassens Wandbild vom Nationalsozialismus gewissermaßen „mißbraucht“ worden, vielleicht sogar gegen den Willen der Künstlerin. Für letzteres gibt es jedoch keinerlei Beleg durch öffentlich bekennende Äußerungen Lassens nach 1945.

Tatsächlich erfüllt die Idee des „Nordischen“ bzw. „Nordisch-Germanischen“ in der Kunstauffassung des Nationalsozialismus eine wichtige Rolle. Bis zu seiner Verfemung nach 1935 wurde auch der Expressionismus – protegiert von Joseph Goebbels – in diesem Kontext betrachtet und legitimiert. Später setzte sich die von Alfred Rosenberg (Kampfbund für Deutsche Kultur) und Adolf Hitler bevorzugte eher bäuerlich-süddeutsch geprägte Kunstrichtung durch. Das „Nordisch-Germanische“ blieb jedoch Teil der allgemeinen faschistischen Kunstideologie. In diesem Rahmen erfüllt Lassens „Nordischer Schwertertanz“ seine Funktion. Es hat nichts Subversives, sondern liegt auf der Linie völkischer „Weltanschauung“.

Einen recht eigenartigen Versuch der Verharmlosung hat der Eckernförder Galerist Norbert Weber im Jahr 2017 in einem Beitrag im Jahrbuch der Heimatgemeinschaft unternommen.[7] Eingangs versucht er von der martialischen Darstellung waffentragender Männer abzulenken und nimmt die Pferde im Hintergrund in den Blick. „Gibt es Nazi-Pferde“ fragt er, als könne ein Pferd in seiner natürlichen Unschuld nicht Teil von Nazi-Kunst sein. Die „Auslegungen, die 1939 vom damaligen Direktor der Schule, Georg Schaub, gemacht worden sind“, entsprächen angeblich „in keiner Weise der Intention Käte Lassens.“[8] Die schwertbewaffneten Nackten sieht er in der Tradition der Lebensreformbewegung, der beginnenden Freikörperkultur um 1900 und des „Ausdrucktanzes“. Getragen würden keine Schwerter, sondern „angespitzte Holzstäbe.“[9]  So verwundert es nicht, wenn Weber dafür plädiert, entgegen „nationalsozialistischer Umdeutung“[10] die Deutungshoheit zurückzugewinnen und den Begriff des „Nordischen“ eher mit den demokratischen Idealen Skandinavien, als mit völkisch-germanischen Mythologien zu assoziieren.

Was mit dem Bild jetzt konkret geschehen soll (Übermalen? Restaurieren? So lassen, wie es ist? Verhüllen?) erfahren wir aber nicht.

 

Politische Aspekte

 

In einer Zeit der erstarkenden AfD, in der Faschisten wie Björn Höcke glauben, sie könnten jetzt „wieder alles sagen“, in der ein Alexander Gauland in Bezug auf die zwölf Jahre des „Tausendjährigen Reiches“ von einem „Fliegenschiß“ in der deutschen Geschichte fabuliert, kann man ein völkisches Machwerk wie den „Nordischen Schwertertanz“ nicht wie ein Kunstwerk wie jedes andere betrachten, das durch sein bloßes materielles Vorhandensein die Frage schon beantwortet, ob es dauerhaft öffentlich präsentiert werden soll.

Seine politische Funktion bestand darin, auf den Krieg einzuschwören, und dieser Krieg – ideologisch legitimiert durch Rassenwahn und Verachtung alles „Andersartigen“ – hat schlimmstes Unheil über Europa und die ganze Welt gebracht. Der „nordische Mensch“ in seiner perfektesten Ausprägung als arisch-germanischer Recke hatte allem südlich-mediterranen und slawisch „Minderwertigen“ als unendlich überlegen zu gelten.

Für diesen Irrsinn ließ sich dieses Bild instrumentalisieren, und es kam gerade zur „rechten Zeit“, denn im September 1939 nahmen die Männer der deutschen Wehrmacht, Luftwaffe und Marine das Schwert in Form von Panzerdivisionen, Sturzkampfbombern und Panzerkreuzern in die Hand.

Zum Glück wurde es 1945 übermalt, wie es ein Glück war, daß die Naziherrschaft vorüber war. Die Gründe für die Übermalung bestehen fort. Der in dem Bild sich verkörpernde völkische Ungeist aber erhebt sich wieder vor aller Augen.

 

Pädagogische Aspekte

 

Anlaß für den Lokaltermin des städtischen Ausschusses für Jugend, Kultur, Bildung und Sport am 23.01.2020 in der Aula der Pestalozzischule war ein gewisser Entscheidungsdruck von Seiten der Verwaltung, sich nun Klarheit über das weitere Vorgehen mit dem Wandbild zu verschaffen, weil die Finanzmittel für eine als nötig erachtete Renovierung der Aula bereit stehen, die Maßnahme jedoch durch die ungeklärte Haltung zum „Nordischen Schwertertanz“ blockiert wird.

Schule und Verwaltung wollen also die Aula zu einem den zeitgenössischen Anforderungen entsprechenden Raum im Rahmen des Schulbetriebs, möglicherweise auch für Veranstaltungen allgemein öffentlichen Charakters, herrichten lassen, zumal mittelgroße Veranstaltungsräume in Eckernförde rar gesät sind.

Die Vorstellung, Lassens Auftragsarbeit, die seinerzeit vom Rektor der Jungmannschule enthusiastisch im nationalsozialistischen Sinn gefeiert wurde, werde nun wie selbstverständlich täglich im Schulalltag über allen, die die Aula betreten, prangen, ist schwer zu ertragen. Es handelt sich nicht um ein Museum, in dem Nazikunst beispielhaft und mit entsprechenden historischen Erläuterungen präsentiert wird, sondern um eine Schule, deren Innenraumgestaltung nicht beliebig ist, sondern günstigenfalls Bezüge zum Bildungsauftrag aufweisen darf. Aber was für ein Zeitbild, was für ein Menschenbild würde jungen Menschen, die auf der Suche nach einem Standort in der Welt sind, so vor Augen geführt? Ist es eigentlich auszuschließen, daß zukünftig eine Lehrkraft mit einer der AfD zumindest anschlußfähigen „Weltanschauung“ das Wandbild in ihrem Sinne vor Schüler*innen interpretiert? Trotz anderslautender Erläuterungstafel?

Vorstellbar wäre eine ganz andere Wandgestaltung: die Darstellung einer Welt des Friedens und der Humanität, oder der freien Natur im Sinne eines Wilhelm Lehmann, der an der Jungmannschule unterrichtete… Stattdessen droht die Bewahrung bzw. Aufhübschung eines monströsen Ausdrucks gewalthaften Zeitgeistes der finstersten Epoche deutscher Geschichte.

 

Fazit

 

Am Umgang mit dem Wandbild scheiden sich die Geister, seit es 1989 leider freigelegt wurde.

So weiß die Eckernförder Zeitung am 25.01.2020 unter der Überschrift „‘Schwertertanz‘ erneut im Focus“ zu berichten: „Bei der Käte-Lassen-Ausstellung im Jahr 2017 zeichnete sich unter den Besuchern ein deutliches Bild ab, wie zukünftig mit dem Gemälde umgegangen werden sollte: Es wurde als Zeitdokument gesehen, das nicht wieder verhängt werden sollte. Stattdessen sprachen sich viele für eine leichte Renovierung und das Aufhängen einer Tafel mit einem Erläuterungstext aus – und für die Freilegung des Käte-Lassen-Gemäldes mit Möwenmotiven auf der gegenüberliegenden Seite.“

Ganz anders sieht es die Kieler Kunstwissenschaftlerin Dr. Constanze Köster in ihrem „Bestes Beispiel für Nazi-Kitsch“ betitelten Leserbrief am 31.01.2020: „Der ‚Nordische Schwertertanz‘ in der Pestalozzischule ist zweifelsfrei im Dienst der NS-Propaganda entstanden. (…) Die in der Diskussion erfolgte Unterscheidung zwischen ‚Nazikunst‘, ‚völkischer Kunst‘, ‚nordischer Kunst‘ ist müßig, denn sie sind eins und dienen einer menschenverachtenden Ideologie. Der Nationalsozialismus wurde bekanntermaßen nicht 1933 erfunden – und er hat sich 1945 nicht in Luft aufgelöst. Eine kritische Auseinandersetzung kann z.B. in einem Museum gelingen, aber nicht in einer Schule, deren Prinzip im krassen Gegensatz zur NS-Ideologie steht. Ein Infoschild hat der martialischen Wirkung nichts entgegenzusetzen.“

Der letztere Gedanke bringt es auf den Punkt: viele der heutigen Kinder der Pestalozzi-Förderschule (!) wären von den Nazis ganz anders behandelt worden als wir es heute tun. Die Autorin schließt mit dem Satz: „Es bleibt die Frage, warum dieses Bild, dieses beste Beispiel für Nazikitsch, geschützt und entschuldigt werden soll.“

Auf die Frage, was nun geschehen soll, gibt es mehrere Antworten:

Erstens wäre eine Renovierung mit dem Ziel der Herstellung des Ursprungzustandes denkbar (ob mit oder ohne Kommentierung), scheidet aber – abgesehen von den horrenden Kosten – aus politischen und pädagogischen Gründen aus. So ließe sich tatsächlich ein Wallfahrtsort für neue Nazis schaffen.

Eine „leichte Renovierung“ wäre ebenfalls äußerst fragwürdig. Beides macht ja nur Sinn mit dem Ziel einer dauerhaften öffentlichen Präsentation.

Zweitens ist ein Belassen im jetzigen Zustand vorstellbar. Das Bild würde verhängt, auf einer Informationstafel erläutert mit einer Abbildung des Ursprungszustandes. So käme die suggestive Wirkung im Sinne der Naziideologie im öffentlichen Raum nicht zur Entfaltung.

Drittens: das Bild wird übermalt. Ein(e) zeitgenössische(r)  Künstler(in) erhält den Auftrag, ein Bild zu schaffen, das dem pädagogischen Auftrag der Pestalozzischule entspricht.

[1] Schaub, Georg: Der „Nordische Schwertertanz“ von Käte Lassen, das neue Aulabild der Jungmannschule.- In: Jahrbuch der Arbeitsgemeinschaft Schwansen, Amt Hütten und Dänischwohld.- 4. Jahrgang (1939) S. 18 ff.

[2] Wolfram, Richard: Schwerttanz und Männerbund. – Kassel : Bärenreiter-Verl., [1937] / Meschke, Kurt: Der Schwerttanz im germanischen Kulturkreis.- Leipzig : Teubner [Dr.], 1931.

[3] Vgl. z.B. die Kontroverse um die Ausstellung von Skulpturen Arno Brekers im Schweriner „Schleswig-Holstein-Haus“ im Jahr 2006.

[4] Kunst ohne Museum. Beiträge zur Kunst in Schleswig-Holstein 1933 – 1945.- hrsg. v. Bärbel Manitz und Thomas Al. Greifeld.- Heide: Boyens, 1993. S. 255 ff.

[5] Lassen hat weitere Auftragsarbeiten im nationalsozialistischen Sinn ausgeführt. Genannt seien ein Hitlerportrait sowie eine Schäferhund-Darstellung.

[6] Schaub, Georg a.a.O

[7] Weber, Norbert: Käte Lassen „Nordischer Schwertertanz“.- In: Jahrbuch der Heimatgemeinschaft Eckernförde e.V..- 75. Jahrgang (2017) S. 341 ff.

[8] ebda. S. 341

[9] ebda. S. 349

[10] a.a.O.