Erst brennen Häuser, dann Menschen – von Willkommenskultur und besorgten Bürgern

2. September 2015

In ganz Deutschland kommt es immer wieder zu Übergriffen auf Flüchtlingsunterkünfte. Bislang waren es hauptsächlich leere Gebäude. Aber nun brannte es in einer Flüchtlingsunterkunft in Salzhemmendorf in Niedersachsen. Unbekannte haben einen Molotow-Cocktail in das Haus geworfen und dadurch gerieten Matratzen in Brand. Nebenan hielt sich eine Frau mit ihren drei Kindern auf, die zum Glück nicht verletzt wurden. Insgesamt waren 30 Bewohner im Gebäude. Diese Brandstifter nahmen also ganz bewusst in Kauf, dass Menschen bei ihrer Aktion verletzt werden. Im Internet, wo man sich so gut in der Gruppe oder in der Anonymität verstecken kann, hetzten immer mehr Menschen gegen Flüchtlinge. Stammtischrassisten und sogenannte besorgte Bürger, die  nicht nur ihren Frust herausschreien sondern auch zu Mord aufrufen. Dabei sind es nicht immer die Springerstiefel- und Bomberjackenträger mit Glatze, sondern der Durchschnittsbürger mit einem geregelten Leben. Die Gefahr kommt auch nicht allein nur aus Ostdeutschland. Denn was bringt einen Familienvater aus dem gutbürgerlichen Hamburg dazu, eine Flüchtlingsunterkunft anzuzünden? Diese Frage stelle ich mir in letzter Zeit immer öfter.
Gibt es wirklich diese großen Unterschiede zwischen flüchtenden Menschen? Sind deutsche Flüchtlinge, wie zuletzt im Jahre 1989, besser als syrische Flüchtlinge? Oder sind sie nicht alle vor der Diktatur in ihrem Heimatland geflohen?

Wenn man nun diese „Deutschland den Deutschen“-Rufer befragt, wovor sie sich nun genau fürchten, wenn syrische Familien in Container einziehen, dann sind die Antworten meist nicht sehr handfest. Es geht oft um diffuse Ängste und das Gefühl, alleingelassen zu werden. Es geht um Futterneid. Die gutbürgerliche Mittelschicht in ihrer heilen Welt hinter der Fassade des Wohlstands im Kapitalismus fürchtet sich vor dem Abstieg. Denn unsere kapitalistische Leistungsgesellschaft fordert zunehmend Opfer. Und wer sich selbst als Opfer fühlt, sucht einen Schuldigen. Das sind dann die Fremden und Schwachen, denn auf die kann man all seine eigenen Ängste und Unzulänglichkeiten so prima projizieren.
Natürlich ist es erst einmal schwierig zu verstehen, wenn der Staat Milliarden Euro für die Flüchtlinge ausgibt und an Infrastruktur, Bildung, Gesundheit und vielen anderen spart. Dafür muss man sich natürlich das gesamte Bild und die Ursachen anschauen. Das wäre mit einem gewissen Aufwand verbunden. Da ist es einfacher und bequemer in eine radikale Abwehrhaltung zu verfallen und jeden zu verurteilen, der vermeidlich die Ressourcen aufbraucht, die man selbst doch so nötig hat.

All diese Menschen flüchten nicht aus ihrer Heimat und verlassen Freunde und Familie nur aus Spaß. Oder um anderen Menschen irgendwo Kita-Plätze wegzunehmen. Sie flüchten, weil ihr Leben bedroht wird. Diese Menschen sterben lieber bei dem Versuch nach Europa zu kommen, als dort zu verweilen, wo Krieg und Gewalt herrscht. Und selbst die „sogenannten“ Wirtschaftsflüchtlinge aus dem Balkan verlassen ihr Zuhause nicht grundlos. Kosovo ist das ärmste Land Europas. Dort sterben Menschen an Hunger. Und das mitten unter uns. Man sagt, sie müssten nicht um Leib und Leben fürchten, sondern kämen aus einem sicheren Herkunftsland. Aber gefährdet bittere Armut nicht das Leben? Ist das kein Grund zur Flucht?


Aber auch diejenigen, die vor den Schrecken des Kriegs flüchten und bereits erleben mussten, wie Bomben ihr Zuhause vernichteten, auch diese Menschen werden noch zu Feindbildern. 3,8 Millionen Syrer sind aus ihrem Land geflüchtet. Damit wären der Kosovo und Albanien komplett entvölkert.
3,8 Millionen Menschen verlassen alles, was ihnen vertraut, lieb und teuer ist, und flüchten in eine ungewisse Zukunft. Mehrere Zehntausend Menschen flüchten vor Armut, Perspektivlosigkeit und Diskriminierung. All diese Menschen verdienen unseren Respekt und unsere Hilfe.
Zum Glück gibt es hundertausende Menschen in Deutschland, die sich für Flüchtlinge einsetzen. Die Willkommenskultur betreiben und dieses bloße Wort  mit Taten füllen.


Immer öfters wird sichtbar, dass ohne ehrenamtliche Hilfe die Errichtung und der Betrieb von Erstaufnahmeeinrichtungen nicht funktionieren. Auch in Rendsburg kümmern sich zahlreiche Helfer um die Flüchtlinge im Containerdorf. Sie geben Essen und Kleider aus, kümmern sich um Kinder und spenden die Form von Wärme, die jeder Mensch in der Fremde bitter nötig hat.


Viele Menschen in der Republik machen den Mund auf und stellen sich der Hetze entgegen. Schützen die Schutzsuchenden. Es ist schön zu sehen, dass es auch immer wieder so viele Menschen gibt, die das Wenige, das sie haben, teilen mit denen, die nichts mehr besitzen. Es ist schön zu sehen, dass Menschen einfach nur helfen möchten. Ich hoffe, dass auch die Stammtischschreier, sogenannten Patrioten, Facebook-Hetzer und Mitläufer noch zur Vernunft gelangen. Vielleicht entdecken ein paar von ihnen ja noch das großartige Gefühl, das man empfindet, wenn man anderen Menschen hilft.
Bis dahin sollten wir weiter für die Schwachen einstehen und den Mund aufmachen. Denn gerade unsere Geschichte hat uns gelehrt, dass erst Gebäude brennen, dann Menschen und am Ende ein ganzer Kontinent.

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